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Somatoforme Störungen
Ursachenmodell
Eine
häufige Ursache somatoformer Störungen sind Streß
und Überlastung. Durch eine lang andauernden
Überforderung kann es zu körperlichen Reaktionen und Beschwerden
kommen, die vom Arzt nicht einer bestimmten medizinischen Erkrankung
klar zugeordnet werden können. Manchmal liegen auch körperliche
Fehlhaltungen, psychische Belastungen oder eine übermäßige
Selbstbeobachtung des eigenen Körpers der somatoformen Störung
zugrunde. Oft kann es auch vorkommen, daß keine klare Verursachung
der körperlichen Beschwerden gefunden werden kann. Bei einmaligem
Ausschluß einer körperlichen Erkrankung sollten dann keine
weiteren körperlichen Untersuchungen durchgeführt werde, da
dies die Gedanken der Patienten verstärkt, sie könnten eine
(schwere) körperliche Erkrankung haben, was zur Folge haben kann,
daß die Symptome stärker werden.
Abb.
8: Bedingungsmodell somatoformer Störungen (Rief
& Hiller, 1998).
In Abbildung 8 ist ein Modell für die Entstehung somatoformer Störungen
dargestellt. Im folgenden soll ein fiktives Beispiel hierfür beschrieben
werden.
Beispiel:
"Herr X sieht im Fernsehen eine Sendung zum Thema Herzinfarkt
(=Auslöser). Während er die Sendung sieht, stellt er fest,
daß er schon einmal ähnliche Beschwerden hatte, wie sie
im Beitrag geschildert wurden. Beispielsweise hatte er neulich einen
stechenden Schmerz in der Brust. Durch diese Erinnerung wird Herr
X aufmerksamer. Er horcht genau in seinen Körper hinein, ob
nicht noch mehr der geschilderten Symptome auftreten. Tatsächlich
bemerkt er, daß sein Atem schneller geht und sein Herz laut
klopft. Was er nicht weiß ist, daß die letzten beiden
Symptome durch seine Angst, selbst einen Herzinfarkt zu bekommen,
verursacht wurden. So erschrickt Herr X noch mehr und interpretiert
die festgestellten Symptome als mögliche Zeichen für eine
Herzerkankung. Durch den Schreck beginnt sich sein Blutdruck, sein
Puls und seine Atemfrequenz zu erhöhen. Er beginnt zu schwitzen.
Diese körperlichen Reaktionen nimmt Herr X ebenfalls wahr und
sieht sie als Bestätigung seiner vermuteten Erkrankung an.
Gleich am nächsten Tag sucht Herr X einen Arzt auf. Dort schildert
er seine Beschwerden, wird genau untersucht und bekommt vom Arzt
gesagt, daß er kerngesund sei. Diese Diagnose verursacht bei
Herrn X. zum einen Unmut, daß der Arzt seine Beschwerden nicht
ernst genommen hat und zum anderen Angst, daß der Mediziner
seine schwere Erkrankung nicht bemerkt hat. Möglicherweise
könnte er ja bei Nichtbehandlung sterben, denn mit Herzerkrankungen
sollte man ja wie er aus der Fernsehsendung weiß nicht spassen.
Da Herr X durch diese bedrohlichen Gedanken immer unruhiger wird
(er hat ein Druckgefühl in der Brust und sein Atem geht immer
schneller) sucht er einen zweiten Arzt auf - diesmal einen Spezialisten
für Herzerkrankungen. Als auch dieser die nun immer stärker
werdenden Symptome als "einfach etwas hoher Blutdruck"
abtut und ihm Medikamente dagegen verschreibt ist Herr X enttäuscht.
Die Medikamente nimmt er trotzdem ein, denkt aber, daß sie
ihm sowieso nicht helfen werden, da auch der Spezialist seine schwere
Erkrankung nicht erkannt hat. Der Ärger und die Enttäuschung
verursachen bei Herrn X weitere Beschwerden, wie beispielsweise
Kurzatmigkeit. Die Beschwerden werden immer mehr, auch weil Herr
X nun immer mehr auf sie achtet. Außerdem versucht er, seinen
Körper nicht mehr zu sehr anzustrengen. Er geht seltener auf
die Straße und bleibt am Ende ganz zu Hause. Durch die mangelnde
Bewegung geht auch seine Kondition zurück, so daß er
schon bei leichter körperlicher Betätigung schwer nach
Luft ringen muß, was erwiederum als Bestätigung seiner
Erkrankung ansieht ..."
Ein Teufelskreis entsteht, aus dem Herr X nur schwer allein wieder
heraus kommt. Selbst Versicherungen seiner Ärzte, er sei komplett
gesund, kann er nicht glauben. Auch die vorgeschlagenen Therapien
und Medikamente zeigen keine Wirkung, da sie nicht auf die eigentliche
Ursache gerichtet sind: auf den Teufelskreis aus Beschwerden, Angst,
Ärger, Schonverhalten und Hilflosigkeit. |
Probleme der Behandlung
Patienten mit somatoformen Beschwerden haben oft schon einen langen
Weg durch das Gesundheitswesen hinter sich, bevor sie sich in psychiatrische
oder psychotherapeutische Behandlung begeben bzw. dorthin überwiesen
werden (Brähler & Schumacher, 2001).
Häufige Arztbesuche bei wechselnden Ärzten ("Doctor Shopping")
sowie zahlreiche und teilweise überflüssige medizinische
Untersuchungen und Behandlungen bergen dabei die Gefahr einer
iatrogenen Chronifizierung. Dies bedeutet, daß die Patienten
das von vielen Ärzten bevorzugte organmedizinische Krankheitsmodell,
welches die Ursache der Beschwerden in einer zugrundeliegenden organischen
Erkrankung nahelegt, für sich als Erklärung der Beschwerden
annehmen und somit nur noch auf die "Entdeckung" der zugrundeliegenden
Erkrankung bei weiteren Arztkonsultationen hofft. Subjektive bzw. psychische
Ursachen gehen meist nicht in die Erwägungen mit ein.
Diese (Fehl-)Behandlungen sind mit enormen Kosten verbunden.
Unnötige Untersuchungen und unnötig verschriebene Medikamente
belasten die Krankenkassen, lange Krankschreibungen und Arbeitsausfälle
verursachen Unkosten beim Arbeitgeber. Es kann davon ausgegangen werden,
daß für Patienten mit einer Somatisierungsstörung
das Neunfache der durchschnittlichen Kosten für medizinische
Behandlungen ausgegeben wird. Dagegen kann eine angemessene psychiatrische
oder psychotherapeutische Behandlung wesentlich zur Kostenreduktion
beitragen (vgl. Brähler & Schumacher,
2001).
Meist ist bei unklaren körperlichen Beschwerden der Hausarzt die
erste Anlaufstelle der Patienten. Dieser sollte möglichst versuchen,
-
eine organische Erkrankung auszuschließen,
-
angemessene
Aufklärung und Beratung zu den somatoformen Symptomen zu geben,
-
falsche
Krankheitsvorstellungen sowie Schon- und Vermeidungsverhalten nicht
zu verstärken,
-
-
in
angemessener Form Psychopharmaka zu verschreiben, etwa bei gleichzeitig
bestehender depressiver Symptomatik,
-
sich
als Hauptbehandler und Vertrauensperson für den Patienten zur
Verfügung zu stellen sowie
-
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